17.05.2021
Ein Text von Jana Neugebauer

„Wie es uns geht?“: Der Kampf der Familie Querfeld

Mit zehn Standorten in ganz Wien und rund 350 Mitarbeitern wurde die Familie Querfeld durch den Lockdown hart getroffen. Corona brachte der Familie viele innovative Ideen und vielleicht einen neuen Betrieb, aber auch einen Rechtsstreit mit ihren Vermietern ein.

Irmgard Querfeld begrüßt uns auf der Restaurant-Terrasse des Bootshauses an der Unteren Alten Donau in Wien. Im Interview beanwortet sie uns alle Fragen rund um den Rechtsstreit mit ihren Vermietern und der daraus resultierenden Räumungsklage für das Café Landtmann sowie zu neuen Produkten, Standorten und dem Thema Fachkräftemangel.
© Reed Exhibitions Österreich/FRB Media

Das Gespräch wurde am 30.04.2021 geführt

 

Die Sonne bricht gerade durch die Wolken, als wir beim Bootshaus an der “Unteren Alten Donau” in Wien ankommen. Irmgard Querfeld und ihr Hund, Boxer Otto erwarten uns bereits auf der Restaurant-Terrasse am Wasser. Während wir die Kameras aufbauen und auf der spiegelnden Donau die ersten Boote auftauchen, erzählt uns Frau Querfeld stolz von ihren beiden Söhnen Ferdinand und Rudolph, die sich als professionelle Ruderer gerade auf die Qualifikation für die olympischen Spiele in Tokyo vorbereiten. Das Bootshaus ist ihr Herzensprojekt und eng mit der Ruderszene in „Neu Brasilien“, wie dieser Abschnitt am Fluss heißt, verwoben. Auf der Webseite heißt es: „Das Bootshaus an der Alten Donau bietet für uns die einmalige Gelegenheit, zwei große Leidenschaften miteinander zu verbinden: Das Rudern und Gastgeber sein.“

Das Café Landtmann: Ein Urgestein Wiens

Gastgeber aus Leidenschaft, das beschreibt die Familie Querfeld ganz gut. Neben dem Bootshaus betreiben sie neun weitere Standorte in ganz Wien. Der bekannteste davon ist zweifellos das historische Café Landtmann an der Wiener Ringstraße. Als es 1873 von Franz Landtmann gegründet wurde, stand das Haus noch lange Jahre zwischen großen Baustellen. Das Rathaus gegenüber wurde erst 1883 fertiggestellt, das benachbarte Burgtheater 1888.

Seit nun bereits über 40 Jahren betreibt die Familie Querfeld das geschichtsträchtige Café, das nicht nur österreichweit für echte Wiener Kaffeehauskultur steht. Aber mit der Corona-Krise kam auch für die Querfelds und ihre Betriebe der Stillstand. Und nicht nur das! Ende 2020 entbrannte ein Rechtsstreit mit dem Vermieter des Café Landtmann und Café Mozart und nun steht sogar eine Räumungsklage im Raum.

Die Familie Querfeld betreibt zehn Standorte in Wien. Das historische Café Landtmann bereits seit über 40 Jahren.
© Felicitas Matern

© Café Landtmann/Jan Lackner

Dass wir als Mieter bei Ausfall unserer Geschäftstätigkeit durch eine von der Behörde angeordneten Schließung die volle finanzielle Last zu tragen haben, sehen wir nicht ein.

Rechtsstreit um Mietzins: Keine Zahlung bei Seuche

„Covid-19 wurde von der WHO als gefährliche Pandemie und Seuche eingestuft. Monatelang konnten wir unsere Räumlichkeiten gar nicht oder nicht vollständig nutzen. Dementsprechend vertreten wir den Rechtstandpunkt des Mietrechts, dass laut ABGB § 1104 bei Seuche, Krieg oder Feuer, kein Mietzins und laut ABGB § 1105 bei eingeschränkter Nutzungsmöglichkeit – auf Grund von beispielsweise Abstandsregeln – nur ein Teil der Miete zu zahlen ist“, erklärt Irmgard Querfeld. Zwei Vermieter, die Alta Vista Stiftung und die Novoreal, eine AG der Karl Wlaschek Privatstiftung, sehen das anders und verklagten die Familie Querfeld auf mehrere hunderttausend Euro. Der Streit verhärtete sich und brachte der Familie für das Café Landtmann eine Räumungsklage ein.

Droht nun die Räumung?

Da stellt sich natürlich die dringende Frage: Was, sollte die Familie Querfeld diesen Rechtsstreit tatsächlich verlieren? Ist das Café Landtmann dann Geschichte? Angeblich soll bereits ein großer chinesischer Unterhaltungskonzern Interesse an den traditionsreichen Räumlichkeiten am Universitätsring angemeldet haben. „Klar, es gab und gibt ganz viele Krisengewinner, die auf Beutezug sind. Viele Hotels und Gastbetriebe werden derzeit aufgekauft.“, so Querfeld. Aber sie bleibt zuversichtlich: „Wir sind ja nicht der einzige Betrieb, der derzeit mit seinen Vermietern streitet. Uns wird bereits von vielen Rechtsgutachten Recht gegeben, dass es nicht sein kann, dass der Mieter die volle Miete einberechnet, obwohl wir gar nicht öffnen dürfen. Dass wir als Mieter bei Ausfall unserer Geschäftstätigkeit durch eine von der Behörde angeordneten Schließung die volle finanzielle Last zu tragen haben, sehen wir nicht ein.“

Geöffnet wird trotzdem

Bei der geplanten Wiedereröffnung der Gastronomie am 19. Mai würde das Café Landtmann also natürlich trotzdem seine Türen öffnen, beruhigt Frau Querfeld. Ob sie an diesen Termin glaubt? Selbstverständlich, sagt sie. „Meiner Meinung nach gibt es jetzt auch keinen Weg mehr zurück. Ich glaube, dass sich die Situation der Intensivspitäler wirklich verbessert hat. Außerdem müssen wir beginnen, mit dieser Krankheit umzugehen. Die Lösung, weiterhin im Lockdown zu bleiben ist keine Lösung. Das haben mittlerweile schon wirklich viele erkannt.“

Wir müssen beginnen, mit dieser Krankheit umzugehen. Die Lösung, weiterhin im Lockdown zu bleiben ist keine Lösung

Der Tourismus hat sich langfristig verändert

Aber auch wenn Frau Querfeld der Wiedereröffnung am 19. Mai ungeduldig entgegenblickt, einige Sorgen bleiben. „Wir haben ja mit dem Café Restaurant Schönbrunn, unserem Standort in der Hofburg oder eben auch mit dem Café Landtmann einige Betriebe, die stark von Touristen, vor allem aus dem Ausland, abhängig sind. Selbst wenn wir wieder aufsperren können, wird es der Städtetourismus weiterhin schwer haben. Während Corona sind uns viele Märkte völlig weggebrochen und insbesondere die für uns so wichtigen Fernmärkte werden noch länger auf sich warten lassen“, gibt Irmgard Querfeld zu bedenken. „Auch der ganze Business- und Kongresstourismus hat sich verändert. Und das langfristig. Man hat in der Pandemie gemerkt, dass sich vieles auch Online bewerkstelligen lässt und es nicht für jeden Termin einen Flug nach Wien braucht. Da wird es in Zukunft neue innovative Ideen benötigen, um diese Touristen doch wieder in unsere schöne Stadt zu locken.“

Ein neues Projekt gibt wieder Energie

Mit dem Tourismus ändert sich auch das Stadtbild, denn die Corona-Krise hat vielen Restaurants und Hotels den Todesstoß versetzt. Einige von ihnen werden von Ketten oder internationale Investoren aufgekauft. Aber auch österreichische Gastronomen können in der aktuellen Situation von neuen, interessanten Immobilien am Markt profitieren. Im Sommer habe sich da, eher zufällig, auch etwas für die Querfelds aufgetan: „Als die Touristen aus- und dadurch einige unserer Betriebe leer blieben, waren wir auf der Suche nach einer Alternative, auch, um unsere Mitarbeiter, die wir alle in Kurzarbeit hatten, weiterhin zu beschäftigen. Und da haben wir durch Zufall die Möglichkeit bekommen, das leerstehende Napoleon im 22. Bezirk zu nutzen und dort ein Pop-Up-Sommerlokal zu eröffnen.“ Die Küche sei damals nicht nutzbar gewesen, vieles war kaputt, also organisierte die Familie einige Foodtruck-Betreiber und bot selbst Kuchen und Torten aus der eigenen Konditorei an. „Außerdem haben wir Streetart-Künstler eingeladen, die einige Bereiche im Napoleon gestalten durften. Und wir haben mit heimischen Musikern Live-Auftritte bei unserem Pop-Up organisiert. Das war eine irrsinnig tolle Zeit und wir haben uns total in den Standort verliebt. Das war nicht geplant, aber jetzt haben wir so viele tolle Ideen für das Napoleon, dass wir tatsächlich in Verhandlungen sind“, erzählt Irmgard Querfeld begeistert. „Das gibt uns neue Hoffnung und Energie!“

© Das Bootshaus/Jan Lackner

Messen wie die "Alles für den Gast" sind nun wichtiger als je zuvor. Wir wissen alle, dass es nie wieder so werden wird, wie es einmal war. Aber wir alle haben kein Bild davon, wie die Zukunft aussieht. Deswegen ist es so wichtig, zu sehen, wie die Bilder der anderen aussehen und dadurch ein gemeinsames Mosaik einer möglichen Zukunft zu schaffen.

Das Wiener Kaffeehaus als Denklabor

Stillstand ist für die Familie Querfeld sowieso nur sehr schwer zu ertragen. „Wir müssen immer in Bewegung bleiben. Das ist einfach unser Naturell.“ Gerade das Wiener Kaffeehaus sei immer Schauplatz fortschrittlicher Gedanken gewesen, sagt Querfeld, ein Treffpunkt, an dem frische Ideen gesponnen wurden. Innovatives Denken war deswegen auch (oder gerade) im Lockdown von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der zehn Betriebe gefordert. Den Start machten die Kinder von Irmgard und Berndt Querfeld. Sie bauten den Online-Shop aus und lieferten die Torten eigenständig an die ersten Kunden. „Wir haben dann nach weiteren Potentialen in unserer Patisserie gesucht. Und wir sind dann durch Zufall auf die Idee gekommen, Torten so zu backen, dass sie keine Hürde mehr für Menschen mit Schluck- und Kaubeschwerden sind. Das Ergebnis sind ganz besonders feine Landtmann Torten“, stellt uns Frau Querfeld eine weitere Neuheit vor. „Das ist etwas, wo wir gerade sehr viel Entwicklungsarbeit hineinstecken und uns sehr mit den Menschen, die unter diesen Beschwerden leiden, auseinandersetzen.“

Plattformen zum gegenseitigen Austausch wichtiger als je zuvor

Die Zeit sei gekommen, die eigene Perspektive zu ändern und neue Sichtweisen zuzulassen. Dafür sei es notwendig, Erfahrungen miteinander zu teilen. Messen wie die „Alles für den Gast“ seien laut Querfeld jetzt noch wichtiger geworden, als zuvor. „Ich merke einfach, dass unter uns Unternehmern das große Bedürfnis da ist, uns untereinander auszutauschen. Wir wissen alle, dass es nie wieder so werden wird, wie es einmal war. Aber wir alle haben kein Bild davon, wie die Zukunft aussieht. Deswegen ist es so wichtig, zu sehen, wie die Bilder der anderen aussehen und dadurch ein gemeinsames Mosaik einer möglichen Zukunft zu schaffen. Und so eine Plattform wie die „Alles für den Gast“, wo vor allem Gastronomen und Menschen aus der Tourismusbranche zusammenkommen, kann zu diesem Ziel beitragen“, ist Querfeld überzeugt. Ihrer Meinung nach könnte es sogar wichtig sein, sich branchenübergreifend abzusprechen, beispielsweise mit der Kunst- und Kulturszene oder dem Handel.

Mit Kreativität gegen den Fachkräftemangel

Das sei auch in Hinblick auf das Problem des Fachkräftemangels relevant, welches laut Querfeld durch Corona nur an Fahrt aufgenommen hat. „Im Austausch mit den Berufs- und Gastronomieschulen wissen wir, dass momentan viel weniger Anmeldungen eingehen. Auch wenn wir zum Glück all unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten konnten, ist die Fluktuation in unserer Branche immens.“ Die Querfelds haben sich schon vor der Gesundheitskrise so einiges einfallen lassen, um Arbeitnehmer von sich zu überzeugen. „Wir haben den Bewerberprozess umgestellt und uns selbst bei den Bewerbern beworben. Dafür haben wir all unsere Führungskräfte, Küchenchefs und Abteilungsleiter fotografiert, damit unsere Bewerber schon vorab wissen, wer die Menschen sind, mit denen sie in Zukunft arbeiten würden.“ Schon vor Covid-19 starteten die Querfelds ein Pilotprojekt im Café Museum, bei dem sie Künstler zur Servicekraft umschulten. „Um im Service gut zu sein, braucht man das richtige Naturell. Genau wie als Künstler muss man sich gerne präsentieren und auf der Bühne stehen. Deswegen hat das einfach gepasst. Außerdem sind Künstler auch sehr oft von ihren Engagements abhängig und hatten während Corona mindestens, wenn nicht sogar mehr zu kämpfen als die Gastronomie. So konnten wir uns gegenseitig unterstützen.“ Einen Monat lang arbeiteten also zum Beispiel ein Musiker und eine Sängerin im Café Museum und boten den Gästen neben einem freundlichen Service ab und zu auch musikalische Einlagen.

Das würde der Branche und auch uns total schaden, wenn wir Ausbildungsplätze nur in guten aber nicht in schlechten Zeiten anbieten würden. Also das muss sich ausgehen!

Ausbildung braucht es in guten wie in schlechten Zeiten

Dass die Familie trotz Krise erneut Praktikanten und Lehrlinge einstellt stand gar nicht zur Diskussion, so Querfeld. „Wir bilden in all unseren Bereichen Lehrlinge aus und das ist enorm wichtig. Nicht nur für diese jungen Menschen, die dadurch eine Ausbildung erhalten, sondern auch für uns, denn der Austausch mit der nächsten Generation ist für uns essenziell.“ Irmgard Querfeld ist davon überzeugt, dass es gefährlich wäre, in dieser Sache kurzfristig zu denken. „Das würde der Branche und auch uns total schaden, wenn wir Ausbildungsplätze nur in guten aber nicht in schlechten Zeiten anbieten würden. Also das muss sich ausgehen!“

"Wir müssen immer in Bewegung bleiben. Das ist einfach unser Naturell."
© Reed Exhibitions Österreich/Jana Neugebauer

© Reed Exhibitions Österreich/Jana Neugebauer

Einseitiges Denken ist überholt!

Corona hat auch seine positiven Seiten, da ist sich Irmgard Querfeld sicher. „Die Krise hat vieles aufgezeigt und deutlich gemacht, was nicht funktioniert.“ Ihrer Meinung sei das vor allem auch die Art und Weise, wie bisher Entscheidungen getroffen wurden: „Dieses ständige Ausloten, mit dem Ziel, immer die beste Möglichkeit zu finden, das wird es in Zukunft nicht mehr spielen. Es wird sich viel mehr in die Richtung bewegen, dass an sowohl als auch gedacht werden muss.“ Mehrere Optionen im Kopf zu haben, einen Plan B – die Krise hat aufgezeigt, wie wichtig das sein kann, sagt Querfeld. „Ja, das Gesundheitssystem muss funktionieren, aber wir müssen auch wirtschaftlich überstehen können. Und ja, alle sprechen von Digitalisierung, die nun plötzlich große Sprünge macht. Gleichzeitig haben wir aber auch gemerkt, wie wichtig uns soziale Kontakte sind. Einseitiges Denken ist jetzt echt überholt!

Es stimme sie positiv, dass in Zukunft Entscheidungen relevanter sein werden, die verschiedene Optionen und Sichtweisen einbeziehen, die nicht immer hundertprozentig sind, aber vernetzter denken. „Das ist etwas, das können wir viel besser machen, da haben wir viel größere Möglichkeiten. Und das wäre schön, wenn ich, wir, alle das schaffen und daraus lernen.

© Reed Exhibitions Österreich/Jana Neugebauer

Adresse:

Das Bootshaus, An der unteren Alten Donau 61, 1220 Wien

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