03.05.2022
Ein Text von Jana Neugebauer

Biodynamischer Wein: Esoterik oder echte Qualität?

Hört man das erste mal von den Prinzipien des biodynamischen Weinbaus, denkt man vermutlich zuerst an Zauberei. Wir hinterfragen, was tatsächlich hinter dem spirituellen Ansatz steckt.

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Biodynamischer Weinbau hat in den vergangenen Jahren erheblich an Beliebtheit gewonnen. Viele Winzer schwören auf diese Methode. Das Konzept wirkt auf den ersten Blick esoterisch. Zahlreiche Menschen verbinden biodyn mit Magie oder Hokuspokus. In diesem Beitrag erläutern wir, was Biodynamik bedeutet, wie biodynamischer Weinbau funktioniert und was dieser spirituell anmutende Ansatz bringt.

Ein kurzer Überblick über die Biodynamie

Die Theorie der Biodynamie ist auf der Annahme aufgebaut, dass alle Elemente des Universums miteinander verbunden sind. Die biodynamische Landwirtschaft ist noch vor der biologischen bzw. ökologischen Landwirtschaft entstanden. Sie nimmt Rücksicht auf den Rhythmus der Natur und zielt darauf ab, das gesamte Ökosystem zu integrieren. Dabei sollen natürliche Ressourcen geschont werden und der Rebe keine direkte Hilfe, sondern Hilfe zur Selbsthilfe gegeben werden. Viele Winzer nutzen dieses Konzept und sind überzeugt, dass aus diesem naturverträglichen Verfahren dicht bewachsene Weinberge und unverfälschte Qualitätsweine hervorgehen. Die Weinbauern stellen oft fest, dass der Boden und die Reben von dem Verfahren profitieren, die Pflanzen robuster und widerstandsfähiger gegenüber Krankheitserregern sind.

Ursprünge der biodynamischen Landwirtschaft

Der österreichische Philosoph und Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner (1861-1925), verglich den landwirtschaftlichen Betrieb mit dem menschlichen Organismus. Er identifizierte chemische Dünger als Ursache für Pflanzenkrankheiten. Daher wollte er alternative Methoden entwickeln. So erfand er ein homöopathisches Verfahren für die Landwirtschaft.

Prinzipien des biodynamischen Weinbaus

Die Abfolge von Ebbe und Flut ist ein Beispiel dafür, dass von den Bestandteilen des Universums eine kosmische Energie ausgeht. Übertragen auf den Weinbau bedeutet dies, dass die kosmische Resonanz zwischen Rebe, Erde, Sternen und dem Menschen nutzbar ist. Biodynamisch arbeitende Winzer stimmen den Rebschnitt, die Ernte und die Prozesse im Weinkeller auf die Mondphasen ab. Der biodynamische Kalender wurde während der 1960er Jahre von der Anthroposophin Maria Thun entwickelt. Demzufolge gibt es Wurzeltage, Fruchttage, Blütentage und Blatttage.

Funktionsweise des biodynamischen Weinbaus

Kuhhörner sind das wesentliche Element beim biodynamischen Weinbau. Der Winzer füllt die Hörner mit Kiesel oder Kuhmist und vergräbt diese für mehrere Monate unter der Erde. Dort sollen die Hörner Licht, Energie und Wärme absorbieren. Dabei entwickelt sich der Mist zu einer humusähnlichen Substanz. Die angereicherte Brühe wird dann in einem runden Behälter, zunächst im Uhrzeigersinn, dann gegen den Uhrzeigersinn, für 20 Minuten mit Wasser vermischt. Anschließend wird das flüssige Gemisch in äußerst feiner Dosierung über die Rebflächen versprüht. Dieser Arbeitsschritt erfolgt stets am späten Nachmittag, wenn die Sonne sich Richtung Westen bewegt. Bereits 120 Gramm dieses biodynamischen Düngers sollen ausreichen, um auf einer Fläche von einem Hektar das Wachstum der Reben positiv zu beeinflussen. Dabei handelt es sich nicht um die übliche Düngung. Der Einsatz dieser biodynamischen Methode soll eine harmonisierende, stärkende und belebende Wirkung auf den Boden und die Reben haben. Reinzuchthefen sind im biodynamischen Weinbau verboten. Bei den Arbeitsschritten im Keller behandeln und kontrollieren biodynamisch vorgehende Winzer den Wein behutsam. Sie verzichten dabei auf chemische und physikalische Eingriffe. Mit Quarzstaub und Aufgüssen aus Kräutern stellen Winzer spezielle Präparate für den biodynamischen Weinbau her. Sie achten dabei auf die kosmischen Kräfte (Mondphasen, Konstellation der Gestirne).

Wirkung der Biodynamie auf die Weine

Der Verzicht auf Pestizide und Kunstdünger führt zu einem höheren Aufwand im Weinberg. Daher sind biodynamisch hergestellte Weine etwas teurer. Die Wirkung der Biodynamie lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Zwar ist die Bodenfruchtbarkeit bei biologisch dynamischer Wirtschaftsweise laut einer Langzeitstudie des Schweizer Forschungsinstituts für biologischen Landbau (Fibl) signifikant höher, Andererseits nehmen die Erträge, verglichen zur konventionellen Landwirtschaft, im Durchschnitt um 20 Prozent ab. Auf die Qualität der Weine gibt es keine wissenschaftlichen Rückschlüsse. Aber es gibt immer mehr Winzer, die von der Wirksamkeit dieser Methode überzeugt sind. Sie behaupten, in einem biodynamisch bearbeiteten Weinberg sei der Boden wesentlich stärker mit Kräutern und Gräsern bewachsen. Die Reben seien verwachsen, die Früchte klein und prall. Dagegen sei der Boden in einem konventionell bewirtschafteten Weinberg eher kahl. Die Reben seien schlank, die Blätter fleischig und die Trauben dick. Aufgrund dieser Erfahrung steigt die Zahl der Anhänger der Biodynamie unter den Winzern kontinuierlich.

Placeboeffekt und verklärte Scharlatane

Biologisch-dynamischer Weinbau ist unbestreitbar gut für die Umwelt, die Traube und den Menschen. Weinbau im völligen Einklang mit der Natur ist deutlich aufwendiger und risikoreicher, insbesondere in den ersten Jahren der Umstellung. Das und der zusätzliche Arbeitsaufwand im Sinne unseres Planeten verdienen Respekt. Problematisch wird die biodynamische Bewegung jedoch, wenn selbsternannte Gurus verklärte Ansichten predigen, die nichts mehr mit einem nachhaltigen Weinbau zu tun haben und stattdessen auf religiös anmutende Glaubensrichtlinien schwören. Esoterik lässt sich außerdem gut verkaufen. So sollen zum Beispiel archaische Amphoren anstelle von Fässern verwendet werden. All diese homöopathischen Maßnahmen haben biodynamischen Wein erfolgreich als “noch biologischer” etabliert. Der Effekt jedoch ist nicht messbar und somit, wissenschaftlich gesehen, reiner Placebo. 

So schmeckt biodynamischer Wein

Auch wenn manche Weinkenner sogar meinen, dass sie den Boden, auf dem der Wein wächst, riechen und schmecken können, während sie den Wein probieren: Ob ein Wein nach biodynamischen Richtlinien hergestellt wurde oder nicht, lässt sich wissenschaftlich gesehen nicht erschmecken. Denn Geschmack hat grundsätzlich nichts mit Bio zu tun, sondern ist von vielen Einflussfaktoren abhängig. Schlussendlich geht es auch im Weinbau um die gesunde Balance. Nur wenn die Rebe ihre Krankheiten gut übersteht, der Winzer sein Handwerk versteht und mit Begeisterung seiner Arbeit nachgeht, wenn das Wetter mitspielt und, und, und, wird der Wein überzeugen. 

Qualitätssiegel für biodynamische Weine

Winzer, die die strengen Richtlinien des biodynamischen Weinbaues befolgen, werden mit speziellen Qualitätssiegeln ausgezeichnet. Der Demeter-Verband ist der älteste, inzwischen global präsente Verband für Biodynamik. Mit dem Demeter-Siegel wird dem Wein bescheinigt, biologisch dynamisch angebaut und hergestellt worden zu sein. Gleiches gilt für die Biodyvin-Zertifizierung, die ausschließlich den nach dieser Methode vorgehenden Weinbaubetrieben verliehen wird. Weltweit ist mehr als 800 Weingütern die Zertifizierung von Demeter zuteil geworden . Davon sind über 50 in Österreich ansässig.

Biodynamischer Wein - ja oder nein?

Ob biodynamische Produkte sinnvoll sind oder nicht, ist - ähnlich wie bei der Alternativmedizin - vor allem eine Frage der persönlichen Überzeugung. Die biodynamische Ernährung ist auf der Annahme aufgebaut, dass die Planeten und Sterne Einfluss auf die Landwirtschaft haben. Diese Prämisse lässt sich nach wissenschaftlichen Kriterien nicht beweisen. Gleichwohl ist die biologisch dynamische Landwirtschaft in seiner Konzeption gut begründet. Er trägt zu einem bewussten Umgang mit dem Boden und den natürlichen Ressourcen bei. Diverse Auszeichnungen biodynamischer Weine geben dem Konzept recht. Es spricht einiges dafür, dass es sich bei der Biodynamie nicht in erster Linie um Esoterik, sondern um ein bewährtes, naturbetontes und qualitätsorientiertes Verfahren handelt - solange man abergläubige Scharlatane außen vor lässt. 

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