• 6. - 10. November 2021
  • Messezentrum Salzburg

 

 

Städtetourismus quo vadis?

Insbesondere der Städtetourismus wurde von der Corona-Pandemie hart getroffen. Im Sommer blieben die meisten Hotels in Ballungszentren leer und auch der Inlandstourismus verabschiedete sich eher in ländliche Gegenden als in die Städte. Michaela Reitterer, Präsidentin der ÖHV, Susanne Kraus-Winkler, Obfrau des Fachverbands der Hotellerie der WKO, Norbert Kettner von Wien Tourismus und Martin Winkler vom Österreichischen Verkehrsbüro geben einen ungeschönten Blick auf die derzeitige Lage der Stadthotellerie und welche Perspektiven der Städtetourismus in den kommenden Monaten hat.

 

© Reed Exhibitions Österreich/Sebastian Datzreiter

Die wichtigsten Sager aus der Talkrunde

© Reed Exhibitions Österreich/Sebastian Datzreiter

Susanne Kraus-Winkler, Obfrau des Fachverbands der Hotellerie, WKO

Als der erste Lockdown begonnen hat, haben wir gewusst, dass es vor allem ums Überleben der Betriebe, um die Sicherung des Arbeitsmarktes und auch ums Risikomanagement geht. Wir haben zuerst versucht die Themen Fixkostenzuschuss, Überbrückungskredite und Kurzarbeit als Schwerpunkte gegenüber der Regierung zu verhandeln. Im Zuge des Wiederaufsperrens und Wiederzusperrens hat sich herauskristallisiert, dass es längerfristige Maßnahmen geben muss. Der erste Teil unserer Branche, wo wir gesehen haben, dass es längerfristig schwierig wird, war der Städtetourismus. Wir haben sehr schnell eine Taskforce Stadthotellerie gegründet und versucht, herauszufinden, was deren Hauptbedürfnisse an Maßnahmen sind und haben das sofort an die Regierung transportiert. Mittlerweise sehen wir, dass sich die Situation manchmal sogar jede Woche ändert. Jetzt stehen wir vor Beginn der Wintersaison wieder vor einer ähnlichen Situation, wie es damals am Ende des ersten Lockdowns war. Die Winterbetriebe wissen nicht, wann und wie sie aufsperren können, was sie mit ihren Mitarbeitern machen, die sie bereits unter Vertrag haben, wie diese in der Zwischenzeit beschäftigt werden können, vor allem arbeitsrechtlich. Es gibt viele Fragen die gerade wieder neu entstehen. Alle Beteiligten, die für die Branche arbeiten, sind gefordert, wirklich gute Strategien zu entwickeln.

Wir werden sicher extrem gefordert sein, das Thema Planbarkeit anders zu denken, als wir es bis jetzt verstanden haben. Den größten Fehler den wir machen können, ist darauf zu warten, dass die Vergangenheit wieder so stattfindet, wie sie stattgefunden hat.

Martin Winkler, Vorstandssprecher, Österr. Verkehrsbüro AG

Was für die Branche extrem wichtig sein wird, ist, eine gewisse Perspektive und Planbarkeit hineinzubekommen. Auf Dauer wird es nicht möglich und ausreichend sein, über die nächsten Jahre die Maßnahmen aufrechtzuerhalten. Ich glaube, wenn man realistisch ist, wird das Jahr 2021 extrem schwierig werden. Wenn ich mir vorstelle, dass sich das Thema Kurzarbeit bis ins Jahr 2021 weiterzieht, dann waren mehrere Tausend unserer Mitarbeiter fast zwei Jahre in Kurzarbeit. Das eine Thema ist hier das Thema der Förderung und dass die Arbeitsplätze erhalten werden, denn unsere Gastfreundschaft bringen wir nur über unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rüber. Andererseits müssen wir den Mitarbeitern die Perspektive geben, in der Branche zu bleiben aber auch für die, die bleiben, die Zeit sinnvoll gestalten. Es wird Bedarf an Unterstützung in Hinblick auf Ausbildungen geben, gerade auch was digitale Skills betrifft. Es braucht die Möglichkeit, sich hier weiterzuentwickeln. Gleichzeitig muss man die Attraktivität erhalten, wenn es wieder losgeht, wieder in den Tourismus zurückzukehren. Es muss neben allen anderen bewährten Maßnahmen, also Kurzarbeit und Fixkostenzuschuss, auch darum gehen, den Tourismus positiv zu positionieren. 

© Reed Exhibitions Österreich/Sebastian Datzreiter

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Michaela Reitterer, Präsidentin der ÖHV, Chefin des Boutiquehotels Stadthalle

 Uns war es wichtig, die Motivation im Betrieb hochzuhalten. Deswegen haben wir versucht, viele neue Möglichkeiten zu finden, die MitarbeiterInnen zu beschäftigen und zu motivieren. Zum Beispiel investieren wir im Moment Geld in die Schulung von MitarbeiterInnen.

Es ist dringend notwendig, dass das Geld des Umsatzersatzes schnell bei den Unternehmen ankommt. Man bedenke auch, dass wir am Ende des Monats die doppelten Gehälter zu bezahlen haben, ohne seit Monaten einen einzelnen Euro Umsatz zu verdienen. Die meisten Unternehmen haben hohe Fixkosten, die ohne Einnahmen nicht gedeckt werden können. Deswegen sagen wir Danke für die Hilfe, werden sie aber auch gänzlich aufbrauchen und die Häme, die uns da in den letzten Tagen begegnet ist, dass das ein Geschenk sei, davon sind wir weit entfernt

Wir sind eine Branche, wo es sehr viel Emotion braucht, um eine Reise zu buchen. Es wird die große Aufgabe sein, diese Emotion auch positiv für die kommenden Monate aufzuladen. Gerade das Thema Sicherheit wird ein wichtiges sein und kann jedes Hotel selbst seinen Gästen anbieten und versprechen. Letztendlich ist die Hotellerie keine High-Tech Branche sondern eine High-Touch Branche. Das ist das Asset, auf das wir auch in Zukunft setzen sollten, die Wiener Gastfreundschaft. In den kommenden Monaten gilt es, Geschichten zu erzählen und damit Emotionen zu wecken, das kann jedes Hotel machen, egal ob Stadt- oder Ferienhotellerie, und wird benötigen, um die Gäste wieder zu begeistern. 

Norbert Kettner, Geschäftsführer Wien Tourismus

Ich höre, dass im Westen Intensivstationen voll sind, deswegen denke ich, dass dieser Lockdown notwendig ist. Ob das dazu führt, dass die Wintersaison wie geplant stattfinden kann, kann ich nicht beurteilen. Wir müssen und wir dürfen den Rückhalt der Bevölkerung nicht verlieren. Tourismus darf nicht zu einem Spielball werden, um Maßnahmen zu treffen, die die Bevölkerung nicht mehr versteht. Ich glaube ein Großteil der Bevölkerung versteht die Maßnahmen derzeit, aber hätte nicht verstanden, wenn diese Maßnahmen nur zur Rettung der Wintersaison gemacht worden wären, wo ich nicht glaube, dass das der Fall ist. Ich denke, es sind gute Maßnahmen gesetzt worden. Ja, es kann alles besser gemacht werden, aber alle von uns sind das erste Mal in dieser Situation.

Ein ganz wichtiger Punkt, der uns immer Beschäftigt, sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Tourismus war schon immer eine Fluchtbranche und jetzt mehr denn je. Viele MitarbeiterInnen gehen aus dem Tourismus endgültig weg und heuern in anderen Branchen an. Wir werden in Zukunft, wenn die Branche wieder losstarten kann, zu wenig Personal haben. Eine Bundesarbeitsstiftung, die eigentlich für Oktober angekündigt gewesen wäre, wäre sehr wichtig. Das hochqualifizierte Personals, insbesondere im Städtetourismus, muss irgendwo zwischengeparkt und weitere qualifiziert werden. Es müssen so rasch wie möglich Maßnahmen entwickelt werden, um die MitarbeiterInnen zu unterstützen und im Tourismus zu halten.

© Reed Exhibitions Österreich/Sebastian Datzreiter

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Benedikt Binder-Krieglstein, CEO Reed Exhibitions AT/DE

Eines ist oberste Prämisse: trotz allem weiterhin österreichische Gastfreundschaft zu beweisen, auch wenn der Kunde nicht vor Ort ist. Es geht darum, Loyalität zu beweisen, im ständigen Austausch mit den Kunden zu bleiben und diese regelmäßig zu informieren. Wir versuchen auch, mit Bildern aus Wien Lust auf Wien und auf Österreich zu machen. Sowohl mein ganzes Team als auch ich sind derzeit extrem gut beschäftigt, weil es auf der einen Seite gilt, sich um die Kunden zu kümmern, aber auf der anderen Seite auch vorzusorgen. Wir haben uns auf technischem Bereich weiterentwickelt, das Wi-Fi 6 in der Messe ausgebaut, Contact Tracing Apps eingeführt und erst vergangene Woche ein riesiges neues Aufnahmestudio in Betrieb genommen. Denn in letzter Konsequenz geht es um eins, egal ob analog oder digital: Wien und Österreich als Plattform dafür zu verwenden, dieses Land und die tollen Dinge, die wir hier veranstalten, in die Welt hinauszutragen. Das ist die Grundlage dafür, dass, wenn der Tourismus wieder los geht, Österreich weiterhin eine der größten Tourismusnationen der Welt sein wird.